Ein "Weltenbaum"

 

Wie das neue künstlerische Sinnbild für den Weltenbaum ragt der Strommast in den Himmel. Durch den künstlerischen Eingriff mit farbigem Plexiglas wirkt der Stamm des Stahlfachwerkturms nun wie von unten nach oben anwachsend belebt. Ail Hwang, Hae-Ryun Jeong und Chung-Ki Park von der Kunstakademie Münster haben der riesigen Gittersäule des Freileitungsträgers inmitten der Ruhraue bei Essen die symbolische Form einer im Sonnenlicht funkelnden "Irminsul" gegeben. Für viele Völker war die "Irminsul" heilig.

Es handelt sich um eine gewaltige Himmelsstütze und Weltachse, die nach den Quellen der germanischen Mythologie den Weltenbaum verkörpert. Dieser selbst ist der größte und prächtigste Baum der Erdengeschichte und ein altes Bild der kosmischen Ordnung. Der Vorstellung nach stand er im Zentrum der Welt und der Schöpfung. Als immergrüner Baum wuchs er an einer Quelle, seine Wurzeln reichten tief in die Erde und seine Zweige trugen den Himmel. So verband er etwa auch in Wagners "Rheingold" die drei Sphären von Himmel, Mittelwelt und Unterwelt. Im Himmel befanden sich "Folkwang", der Volksplatz, und die Halle der Helden. Midgard war die Heimat der Menschen und in der Unterwelt bergwerkten die Zwerge und trieben die Schwarzelfen ihre Stollen in die Erde. Die "Irminsul"-Mast, in der Essener Ruhrwiese ruft dies in einer geshichtsträchtigen Landschaft ins Gedächtnis.

In der nordischen Kosmogonie ist der Weltenbaum auch als die Weltesche "Yggdrasil" bekannt. Zuletzt hat Sigmar Polke ihr ein großformatiges Bild gewidmet. Der Baum selbst erscheint hier als glatter Stamm mit zwei großen Seitenästen. Um der mystisch-vitalistischen Energie Ausdruck zu verleihen, die den Baum seit je her umgab, legte er ein elektrisierendes Feld von Blattsilber auf die Leinwandoberfläche. Die Silberstücke sind dabei den farbigen Plexiglasscheiben im Hochspannungsträger an der Ruhr frappierend ähnlich. Der Weltenbaum ist von Anfang an mit dem Geschick der Schöpfung verknüpft. Am Wasser traf man dem Mythos nach auf die drei Schicksalsgöttinnen, die am Geschick der Menschen und Götter webten, wobei jeweils eine für die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft einstand.

Nun hat die ästhetische Intervention der drei Koreaner/Innen ein technizistisches Gerüst des Industriezeitalters in eine neue emporstrebende Weltensäule verwandelt. Ab jetzt steht sie in der Mittelwelt des Strukturwandels. Als die mythologische "Irminsul" wächst nun der riesige Mastbaum am Ufer wie eine Gabelsäule als Sinnbild der Erneuerung des Naturbezugs in den Himmel des Ruhrgebiets. Über die Leitungen, die er trägt und empfängt, verbindet sich dei Säule - fast wie im alten Glauben - mit dem Strom einer erdumspannenden Weltenenergie. Sie selbst steht da in farbigem Licht. Der neue Weltenbaum ist nicht nur ein Nachklang an die vergangene Zeit, sondern auch ein Versprechen auf Erneuerung in der Zukunft.

 

Abb. 1: Irminsul, Nachzeichnung.

Abb. 2: Yggdrasil

Abb. 3: Sigmar Polke, Yggdrasil, 1984, Silber, Silberoxyd, Silbernitrat und Harz, 300 x 225 cm.

Jürgen Stöhr