Reconstruction

 

Die in den letzten vier Jahren entstandenen Arbeiten von Ail Hwang sind an einer Schnittstelle zwischen Architektur, Zeichnung und Skulptur angesiedelt. Sie nimmt in ihrem künstlerischen Schaffen formal und thematisch Aspekte und Fragestellungen des Raums auf und setzt diese in filigrane und ästhetisch reduzierte Objekte um. Die zurückhaltenden, leichten Artefakte entwickeln dabei eine hohe Komplexität der Auseinandersetzung mit architektonischen, phänomenologischen und philosophischen Fragen des Raums, seiner Konstitution und Wahrnehmung. Das Interesse der Künstlerin richtete sich zunächst überwiegend auf Außenräume und den urbanen, öffentlichen Raum. Zunehmend treten inzwischen aber Innenräume und die durch Architektur definierte Grenze zwischen innen und außen in den Fokus ihres Schaffens.

Die in galerie januar über drei Etagen präsentierten Arbeiten der Ausstellung „reconstruction“ sind gänzlich in direkter Auseinandersetzung mit den Räumen der Galerie entstanden und wurden eigens für die Präsentation in Bochum bildnerisch umgesetzt.

Im Erdgeschoss von galerie januar unternimmt eine als Skulptur konzipierte und in den Raum gesetzte Papierarbeit den Auftakt der Ausstellung. Die zurückhaltende und fragile Papierform setzt den Grundriss des Erdgeschosses als Ausgangspunkt und überführt den gebauten und durch Mauerwerk gefassten Raum in eine maßstäblich und proportional verkleinerte, freistehende und ohne Sockel präsentierte Skulptur. Begleitet wird dieses zerbrechlich wirkende und leichte Werk von einer dreiteiligen Wandarbeit: Styroporplatten, deren zerklüftete und sich in unregelmäßigen Hebungen und Senkungen zum Raum hin präsentierenden bearbeiteten Oberflächen, markieren eine Schnittstelle zwischen zweidimensionaler Wandarbeit und Skulptur, zwischen Bauelement und dessen künstlerischer Überformung. Die Struktur der Oberflächen dieser Platten ist bestimmt durch den Teil des Styropors, der in der Bearbeitung weggenommen wurde und nun in seiner Abwesenheit als formal sichtbare Spur, die Erscheinung der Oberflächen bestimmt.

Im Obergeschoss der Galerie bestimmt eine Bodenarbeit aus Papier den Raum. Die symmetrische Struktur der grau gefassten Holzdielen des Bodens wird durch eine liegende große weiße Papierbahn aufgebrochen. In einem unregelmäßigen Verlauf wird die makellos weiße Fläche dieser Bahn durch Reißungen und Faltungen unterbrochen.
Im Keller schließlich befindet sich die vierte im Rahmen der Ausstellung „reconstruction“ präsentierte Arbeit. Dieser, abgesehen von der elektrischen Beleuchtung, lichtlose Raum, wird sehr sparsam mit einer aus Styropor gearbeiteten, frei im Raum platzierten Skulptur bespielt. Die, wie auch schon bei den Styroporarbeiten im Erdgeschoss, durch Bearbeitungen aufgebrochene Oberfläche des Styropors reagiert in diesem Raum mit der unregelmäßigen, welligen Struktur der weißen Wände des Kellerraumes.

Jede der insgesamt vier Arbeiten der Ausstellung „reconstruction“ kann für sich selbst stehen und unabhängig von den anderen Objekten mittels sehr einfacher und zurückhaltender ästhetischer Mittel eine komplexe Sinnstruktur entfalten. Dennoch eröffnet sich im Zusammenspiel der drei Ebenen – Erdgeschoss, Obergeschoss und Keller – ein Zusammenhang zwischen den einzelnen Exponaten. Die Künstlerin vollzieht mit den Arbeiten vier formal voneinander verschiedene Modi der Befragung von Raum und dessen Konstitution. Die Verknüpfung der Einzelarbeiten zu einem thematischen Komplex lassen die raumschaffende Funktion der Architektur als gebautem Raum zurücktreten, brechen ihn auf und rekonstruieren ihn als bloßes Zeichen.

Maike Mügge